Übersetzung von Stefan Schumacher
Einige Anmerkungen habe ich in blau gemacht.
Vielleicht wundern sich einige von euch, wie der Krieg nach 60
Jahren in dem Bericht eine Rolle spielt.
Aber erstens ist das hier noch ein Thema und zweitens ist fast alles
dazu von Geoff eher humorvoll, der britische Humor ist halt ein ganz
besonderer!
Viel Spaß beim Lesen, manchmal klingt´s vielleicht etwas holprig,
Pardon!
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Am 1.
Juniwochenende nahmen 12 Clubmitglieder am Kassler
Halbmarathon teil. Stefan Schumacher hatte uns eingeladen,
er stammt aus der Stadt und betreute die Gruppe mit seinen
Freunden und Vereinskameraden seines deutschen Laufvereins,
LG Vellmar. Die Gastfreundschaft war überwältigend, das
Rennen Klasse, das Wochenende auch anstrengend, zumal das
Flugzeug auf dem Hinflug wegen Gewitters nach
Köln umgeleitet wurde und wir erst am Samstag
morgen um 5.30 Uhr in den Betten waren.
Unser
Vereinsmitglied und Teilnehmer der Reise , Geoff Beatie,
schilderte seine Erfahrungen. Geoff ist ein international
bekannter Psychologie-Professor, der 15 prämierte Bücher
verfasst hat und auch die Big-Brother-Serie hier im
Fernsehen psychologisch betreut.
Ich
ahnte, es wird ein besonderes Wochenende, als der Flieger
dreimal vergeblich zur Landung ansetzte. Die Blitze draußen
waren wie das Mündungsfeuer einer MG. "Erwähn nicht den
Krieg" ,
witzelte jemand am Flughafen und die Erinnerung an den Satz
ging mir nicht aus dem Kopf. (das
ist ein sehr bekannter interner Witz hier in GB und bezieht
sich auf die Fernsehserie Fawlty Tpwers mit John
Cleese, einige von euch kennen ihn vielleicht aus "Ein Fisch
namens Wanda". Auf jeden Fall bekommt das Hotel an dem Tag
Besuch von Deutschen und das Motto lautet : "Don't mention
the war". Die Folge ist zum Brüllen komisch und veräppelt
nicht nur die Deutschen , sondern mindestens genauso die
Engländer!)
Wir
flogen also nach Deutschland - dem alten Feind - (oder sind
das nicht die
Schotten?)! Wir kamen endlich in
Paderborn um 5 Uhr morgens an, begrüßt von einem
freundlichen Stefan und er fuhr uns im Morgengrauen eine
halbe Stunde nach Kassel. Stefan erinnerte uns daran, dass
wir am nächsten Tag auch um die Uhrzeit aufstehen würden, um
am Halbmarathon teilzunehmen. So viel also zur Vorbereitung,
ich war jetzt schon ziemlich fertig.
Auf dem
Weg nach
Kassel erzählte uns Stefan, dass
Kassel im Krieg von englischen Bombern ziemlich
platt gemacht wurde und tausende unschuldiger Zivilisten
getötet wurden. "Der erste Teil der Laufstrecke
morgen ist nicht so schön, weil das nach dem Krieg
schnell wieder aufgebaut wurde."
Fechin
(auch Teilnehmer
der Sale Harriers)
gab uns
psychologische Unterstützung. Er redete ununterbrochen und
die Psycho-Spielchen fingen an. "Schau dich immer schoen um,
Mike, ich werde immer hinter dir laufen." Mike versuchte
nicht dran zu denken, aber wir konnten sehen, wie es ihn
bereits beschäftigte. Fechin setzte sein bekanntes Lächeln
auf. Er erinnerte uns an seine Lorbeeren. "Viele Jahre lang
konnte mich keine Frau im Marathon schlagen, die erste war
Greta Weitz auf ihrem Weg zum Weltrekord."
(Für die von
euch, die sie nicht kennen: Lauflegende aus Skandinavien,
Rekordgewinnerin New York, London usw.).
Er blinzelte mir zu. "Wie ist denn deine
Bestzeit?" Ich fühlte mich wie ein Nichts, wahrscheinlich zu
recht. "Laufen ist immer eine Kopfsache," ergänzte Fechin,
"wenn du nicht optimistisch rangehst, läufst du nie eine
gute Zeit. Und ich fühle mich gut," fügte er noch hinzu. Ich
sagte nichts mehr.
"Ach,
und übrigens, Stefan," sagte Fechin, du weißt sicher, dass
die Republik von Irland im Krieg neutral war, ganz im
Gegensatz zu unseren Freunden aus Nordirland."
(Jetzt muss ich noch mal was erklären. Fechin ist ein
ehemaliger katholischer Priester aus Irland, also der
Republik ,und Geoff ein Protestant aus Nordirland, das war
früher eine Kombination mit viel Zündstoff!). Er
blinzelte mir wieder zu. Ich fühlte mich nicht gut, saß im
Bus hinten, fühlte mich persönlich schuldig, dass wir die
Hälfte der Marathonstrecke zerstört hatten, und dieser
Gefühlsausbruch belastete mein Gewissen, hinterließ eine
Leere, sogar Schuldgefühl.
Unsere
Gastgeber waren überwältigend freundlich, was mein
Schuldgefühl noch verstärkte. Eines
dieser klassischen Momente, wo du merkst, das sind zwei
Länder mit ganz ähnlicher Mentalität. Das hat doch was mit
der Völkerfreundschaft beim Laufen - das gemeinsame
Erlebnis, das gemeinsame Leiden (und das war´s bei fast 90
Grad
(Fahrenheit!)
), die Verausgabung am Schluss, die ganzen
Verbindungen und Rivalitäten in allen Sportarten, auch bei
Olympia. Vielleicht sollten alle Länder einfach gezwungen
werden zusammen zu laufen!
Ein Vorurteil über die Deutschen bestätigte sich : die Super
- Organisation, sogar die Zuschauerunterstützung war lauter
und deutlicher als in England. Ein anderes Vorurteil
bestätigte sich auch. Sie tranken alle Bier nach dem Rennen.
Ich war halb betrunken, bevor Fechin ankam. Aber den letzten
Lacher hatte Fechin. Als wir zurückliefen, um unsere Taschen
zu holen, wies er mich darauf hin, dass das Bier alkoholfrei
war. "Du bist doch der Psychologe", sagte er, "du müsstest
doch wissen, dass es immer eine Sache des Kopfes ist."
(das hat die Briten wirklich sagenhaft beeindruckt und ich
werde im Verein immer noch darauf angesprochen. Bier im
Ziel! Supersache! Warum bloß nicht hier?!)
Es war ein fantastisches Wochenende und wir bedanken uns
allerherzlichst bei unseren großzügigen Gastgebern und den
Läufern der LG Vellmar. Sale Harriers waren an dem Tag in
Kassel (nicht
Paderborn, Druckfehler im Originaltext!)
bekannt. "Auf geht´s, Manchester," sahen wir
öfters auf der Strecke und Mitläufer beklatschten uns auf
der Strecke.
Als ich
heimkam und zu einem Fernsehinterview musste, war meine
Tasche leider auf dem Flug verloren gegangen, ich roch noch
nach Schweiß und anderen Düften. Die PR-Dame starrte mich
an. "Wo kommen Sie denn um Gottes Willen her?" Sie erwartete
vermutlich eine Antwort über wilde Partys bis zum frühen
Morgen und der Einnahme exotischer und gefährlicher
Substanzen. Ich wollte ihr etwas antworten von Anstrengungen
und Erreichtem, verschiedenen Gefühle und der Gattung
Mensch, über alte Feinde, vereint in gemeinsam Erlebten,
über Stolz und Dankbarkeit, alles so was, aber ich schluckte
nur und sagte : "Ich war gerade Laufen in Deutschland.....
und wir hatten ein großartiges Wochenende".
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